Historisches Fechten

„Historisches Fechten” ist der Überbegriff für diverse Kampfkünste, die eine einst unterbrochene Tradierungslinie besitzen und nun seit einigen Jahren/Jahrzehnten wieder rekonstruiert und wiederbelebt werden. Die frühste derzeit bekannt Anleitung zum Fechten ist uns aus dem 13. Jh. bekannt und befasst sich mit Schwert und Buckler. Die folgenden Jahrhunderte des ausgehenden Mittelalters beherrscht das Schwert die Großzahl der Quellen, ab Ende der Renaissance wird es das Rapier sein und die Neuzeit befasst sich mit frühen Formen klassischen Fechtens wie Degen und Säbel. Prominentester Vertreter ist hier wohl die sogenannte “Deutsche Schule”, welche im 14. Jahrhundert von Johannes Liechtenauer nach Langen Reisen durch Deutschland und Europa zusammengetragen und systematisiert wurde. Zu diesem Stil wurden bis ins 17. Jh. hinein zahlreiche Bücher und Schriften verfasst, von denen uns über 60 verschiedene Werke bis heute erhalten geblieben sind. Diese geben ein umfangreiches Bild dieser faszinierenden und hoch entwickelten Kunst wieder.

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Diese prinzipienbasierte und systematische Kampfkunst ist äußerst pragmatisch auf die damaligen Bedürfnisse der Anwendung hin ausgerichtet. Sie umfasst mehrere waffenlose wie auch bewaffnete Disziplinen wie Dolch-, Schwert- und Stangenwaffenkampf. Dabei wird jeweils unterschieden in ungerüstete und gerharnischte Kampfkunst, zu Fuß und aufgesessen (Rossfechten&Rossringen).

Das alte Ringen bezeichnet in seiner Form einfach die waffenlose Auseinandersetzung. Dies beinhaltet also nicht nur Würfe, Griffe und Hebel (damals bezeichnend als Brüche bezeichnet) sondern auch Schläge und Tritte. Die Techniken zeichnen sich im Groß durch eine Kampforientierung aus, deutlich daran zu erkennen, dass der Gegner meist auf Gesicht oder Nacken geworfen wird. Berücksichtigt man dies, finden sich durchaus parallelen in anderen ringerischen Kampfkünsten, die noch nicht stark versportlicht wurden. So wie der unbewaffnete Kampf und das Ringen die Grundlage und Basis dieses Systems darstellt, so ist das Schwert der Kern und das Zentrum der Fechtkunst der deutschen Schule.

Das “Lange Schwert” bezeichnet den Einsatz der ca. brusthohen, zweihändigen Schwerter im Gefecht ohne Schutz und Rüstung. Der Fokus liegt hierbei klar auf dem Zweikampf Mann gegen Mann. Nirgendwo sonst treten die Grundprinzipien der Liechtenauerschen Lehre derart deutlich in den Vordergrund wie hier. Die starke Gewichtung auf dem Übernehmen und Behalten der Initiative im Kampf ist dem pragmatischen Ursprung des Systems im Ernstkampf geschuldet. Durch die Betonung der taktilen Wahrnehmung der gegnerischen Intention durch “Fühligkeit” in der Klingenbindung, wird dies bei dieser verhältnismäßig großen Waffe mit erstaunlich viel Feingefühl umgesetzt. Dabei finden sich die Grundlagen der ringerischen Basis auch im Klingengefecht wieder. Unter der Ausnutzung der gesamten von der Waffe zur Verfügung gestellten Bandbreite an Angriffsmöglichkeiten kommen als besonderes Kennzeichen der deutschen Schule dem Neuling oft eher ungewöhnlich erscheinende Handlagen und Klingenwinkel vor. Dies ist zusammen mit der Bevorzugung der Arbeit aus der Klingenbindung heraus, eines der typischen Kennzeichen dieses Systems in Unterscheidung zu manch anderen Klingenkampfkünsten.

Der Einsatz des Schwertes im gerüsteten Zweikampf erfordert hingegen in vielen Punkten eine gänzlich andere Einsatzweise, wobei die zu Grunde liegenden Prinzipien jedoch dem Systemgedanken entsprechend auch hier wiederzufinden sind. In der Epoche aus der diese Kampfkunst stammt, bedeutete “gerüstet” in der Regel das Tragen eines mehr oder weniger vollständigen Plattenharnisches. Diese hochgeschützten und dennoch hochbeweglichen Rüstungen lassen den Angriff mit Klingenhieben und Schnitten kaum effektiv erscheinen. Entsprechend wird hier die Waffe mit der linken, panzerhandschuhbewährten Hand, an der eigenen Klinge gefasst (“Kurzes Schwert” genannt, weil verkürzt gehalten), um präzise und kraftvolle Stiche in die wenigen offenen Lücken der gegnerischen Rüstung zu führen.

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Wenn zugeschlagen wird, geschieht dies in der Regel mit dem schwereren Griffende der Waffe, welches durch die höhere kinetische Energie geeigneter ist, Wirkungstreffer bei einem gepanzerten Gegner zu erzielen. Durch die durch den Helm eingeschränkten Sichtverhältnisse kommt hier der taktilen Wahrnehmung und Fühligkeit eine große Rolle zu. Dies wird besonders deutlich in der starken Betonung des Ringkampfanteiles im geharnischten Kampf. Durch die relative Unverwundbarkeit mit einer Klinge aufgrund des Tragens eines Harnisches, besteht ein Großteil der Kampfkunst aus Hebeln, Brüchen und Würfen. Hierzu wird umfangreich von der Waffe selbst Gebrauch gemacht, um mit allen am Schwert vorhandenen Ecken und Enden beim Gegner einzuhaken, einzufahren und anzusetzen, um dadurch Hebel und Würfe zu verstärken.

Neben der “Deutschen Schule” existieren noch diverse weitere Kampf- und Fechttraditionen mit Schwertern und anderen Blankwaffen aus der europäischen Vergangenheit. Eine gleichermaßen interessante wie exklusive Sparte stellt hier das Bidenhänderfechten des späten 16./17. Jahrhunderts da, welches uns vornehmlich aus dem Spanisch- Portugiesischen Raum überliefert ist, wo es Teil des Escrima Vulgar bzw. Escrima Commun war. Hier wurde diese Waffe als “Montante” bezeichnet. Diese beeindruckenden, etwa schulter- bis scheitelhohen Schwerter stellten eine spezielle Bewaffnung insbesondere für Leibgarden u.ä. dar. Damit sind sie als Flächenwaffen auf die Sonderrolle des Kampfes gegen leichter bewaffnete Gegner in Überzahl hin ausgerichtet.

Durch Ausnutzung der überlegenen Reichweite und Masse des Montantes soll die zahlenmäßige Überlegenheit des Gegners kompensiert werden. Im Kampf gegen mehrere Gegner ist es wichtig, permanenten Druck gegen alle Angreifer gleichermaßen aufrechtzuerhalten, damit der Verteidiger nicht von dem Angreifer hinter oder neben ihm erschlagen wird, wenn er sich nur auf den Gegner vor ihm konzentrieren würde. Entsprechend wird das Montante häufig in durchlaufenden, flachen Schwüngen geführt, die viel Raum abdecken und somit eine ganze Gegnergruppe in Schach halten können. Dabei werden keine Punktziele wie Körperteile oder Einzelpersonen angegriffen, sondern vielmehr Räume bestrichen. Das Montante ist also vielmehr eine Flächenwaffe.

Die Waffenbewegungen sind im Einklang mit den Körperbewegungen und der Schrittarbeit so ausgestaltet, dass diese recht große und schwere Waffe äußerst flüssig und somit krafteffizient und dennoch schnell und ausdauernd gegen eine Gegnerüberzahl geführt werden kann. Das Fechten mit dem spanisch-portugiesischen Montante legt in seiner Lehre ein großes Augenmerk auf die Besonderheiten bestimmter taktischer Situationen, was durch sogenannte “Reglas” gelehrt wird. So existieren gesonderte Reglas für bestimmte Szenarios wie Umzingelungssituationen in engen Gassen, weitere um eine schutzbefohlene Personen zu verteidigen, eigene Regeln gegen schwerer bewaffnete Gegner wie Schildträger oder Stangenwaffenkämpfer, weitere zum Kämpfen auf dem schmalen Laufsteg einer Galeere usw..

Darüber hinaus gibt es zudem Reglas welche nur als Übung zum Trainieren bestimmter Fähigkeiten und Bewegungsmuster gedacht sind, vergleichbar mit den Soloformen und Katas fernöstlicher Kampfkünste.

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